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vocke.de: Bücher und Links zu "Schulentwicklung" (sowie Alternativen)

Zweck dieser Seite ist es, interessierten Kollegen eine Kurzübersicht über school effectiveness and school improvement zu geben, da diese m.E. die Vorbilder sind für die deutsche Schulentwicklung als der vermutlich dominant werdenden Form von Denken in der deutschen Bildung.


Programmatische Texte von school effectiveness and school improvement

FULLAN, MICHAEL

  • Fullan, Michael (1991) The New Meaning of Educational Change. London: Cassell Educational Ltd.
    Eine Neukonzepion der Rollen und des Verhältnisses von Schülern, Lehrern, Schulleitern, der Schulaufsicht, der Eltern und der Community, von Regierungen, der Implementierung von Wandel in Bildung sowie von Zukunftsaussichten. - Relativ abstrakter Schreibstil, dennoch gut zu lesen
  • Fullan, Michael and Hargreaves, Andy (1991) What's Worth Fighting for in your School? Buckingham: Open University Press and Ontario Public School Teacher's Federation Beschreibt, ausgehend von der Unzufriedenheit von Lehrern in ihren Schulen, den Veränderungsbedarf und einen Weg dazu. Daher ist das Buch, obwohl Politik gar nicht explizit vorkommt, sehr politisch. Richtet sich an Lehrer, sehr einfach geschrieben, fast trivial. - Es gibt viele "What's worth fighting for"-Bücher: ... in education, ...in headship
  • Fullan, Michael (1993) Change Forces. Probing the depth of Educational Reform. London, New York, Philadelphia: Falmer Press.
    deutsche Übersetzung: Fullan, Michael (1999) Die Schule als lernendes Unternehmen, Konzepte für eine neue Kultur in der Pädagogik.Stuttgart: Klett-Cotta.
    Betrachtet die Schule als lernende Organisation in einem chaotischen Umfeld; ist Ausdruck eines wirtschaftsbezogenen Managerialismus. Die deutschen "großen Erzählungen" über Bildung (Humboldt und Adorno; siehe Diskurse) kommen nicht mehr vor. Insofern sehr lesenswert.

HARGREAVES, ANDY
Hargreaves, Andy and Evans, Roy (1997) Beyond Educational Reform. Bringing Teachers Back In.
Interessant ist das "beyond" - Deutschland steht ja vor einem Schulsystemwechsel, die anglophone Welt hat ihn hinter sich. Insofern kann dort Bilanz gezogen werden, und sie ist z.T. desaströs. Hargreaves und Evans schlagen z.B. einen "New Deal" für Bildung vor, in dem die Rolle von Politikern beschränkt und durch einen "self-regulating Teaching Council" (p. 115) ergänzt/ersetzt wird. Dies mag eine Antwort darauf sein, was eine englische Kollegin zu mir sagte: Dass Politiker mit Bildung Fußball gespielt haben. Bildung jenseits oder UNabhängig von Politikern zu sehen ist in Deutschland z. Zt. kaum unvorstellbar. "Bringing Teachers Back In" erinnert an Positionen, die in Deutschland jetzt abgeschafft, in diesem Buch aber als Neuerungen vorgestellt werden, z.B. dass Lehrer eine gewisse curriculare Autonomie besitzen sollen (p. 84)
MORTIMORE, PETER
Mortimore, Peter and MacBeath, John (2001) Improving School Effectiveness. Buckingham, Philadelphia: Open UP
Ein hochinteressantes Buch, weil es 30 Jahre Entwicklung von school effectiveness and school improvement rekapituliert. Die Bilanz des annähernd globalen Schulsystemwechsels ist ernüchternd:
"We have learned that school education cannot compensate for society and that in making high demands of teachers and raising our expectations of schools we must scrupulous respect for the evedence on socio-economic inequality and the changing nature of family life." (p. 2, my highlighting). Damit ist school effectiveness in einem zentralen Anliegen gescheitert, nämlich Bildungschancen wesentlich gerechter zu gestalten. - Das Buch lotet aber auch aus, wo Erfolge und Potenziale liegen.
TOWNSEND, TONY
  • Townsend, Tony (1997) Restructuring and Quality. Issues or tomorrow's schools. New York, London: Routledge. Auch dieses Buch bilanziert den Wandel im Bildungssystem in Zeiten von Globalalisierung, z.T. länderspezifisch. In einer Meta-Analyse zeigt Townsend, dass vier zentrale Ziele von site based management (zu deutsch Schulautonomie, Schule in erweiterter Verantwortung...) GESCHEITERT sind: "Has restructuring delevered on the promise of local control? ... Has restructuring improved educational leadership? ... Are resourses better allocated to, and in, schools? ... Has restructuring improved quality of teaching?" (pp. 199-227). Die Antwort ist in allen Fällen "nein". - Solche Positionen sind in Deutschland viel zu wenig bekannt, wo der Wandel im Bildungssystem immer noch mit den andernorts bereits gescheiterten Gründen legitimiert wird.
    Townsend geht in der Widmung in seinem restructuring-Buch noch weiter und bezeichnet die Neustrukturierung des Bildungssystems unter Schulentwicklung als Trauma:

"To my children Paul, Cindy, Ben ... and Jenni ... and other children like them, who are suffering from the traums their teachers, parents and schools are facing as they deal with what might be seen in hindsight as the greatest attack on public schools in over a hundred years." Klarer kann man es wohl nicht sagen.

  • Townsend, Tony (2001) "Satan or Saviour?" An Analysis of two Decades of School Effectiveness Research. In: School Effectiveness and School Improvment, Vol. 12, No. 1, pp. 115-129
    Auch dieser Aufsatz ist sehr, sehr lesenswert. School effectiveness und school improvement starteten als pädagogische Bewegungen, sind aber durch die "New Right" in der anglophonen Welt (Reagan, Thatcher) vereinnahmt und politisiert worden. Konservative Eliten haben sich des Diskurses bemächtigt und benutzen ihn als gesellschaftspolitisches Machtmittel im Bereich BIldung. - Zugleich haben school effectiveness und school improvement zahlreiche positive Wirkungen gerade auf der konkreten Ebene der Unterrichtspraxis, so dass es zu einer hochproblematischen Amalgamierung von Politik und Pädagogik gekommen ist.

    Es wird sehr spannend sein zu beobachten, wie dieser Prozess in Deutschland laufen wird.

Nützliche Texte von school effectiveness and improvement
Zwei von zahlosen von Beispielen für die guten Seiten schulbezogener Forschung:

Mortimore, Peter (1999) understanding pedagogy and its impact on learning. London, Thousand Oaks, New Delhi: Paul Chapman
Eine zusammenfassende Übersicht, was die Forschung für Probleme in Schulformen und im Klassenraum erbracht hat

Askew, Susan (ed) (2000) Feedback for Learning. London and New York: Routledge, Falmer
Eine kleines, nützliches Werk über Feedback als einer im Schulalltag laufend relevanten Situation
Kritische Texte zu school effectiveness and improvement
Pars pro toto - Ball sieht die Neuformierung des Verhältnisses von Bildung und Gesellschaft in Globalisierung sehr kritisch, und zwar aus soziologischer Sicht.

Ball, Stephen ( 1994) Education reform. A critical post-structural approach. Buckham, Philadelphia: Open UP

borrowing - modifizierende Übernahme von Modellen aus anderen Ländern
Kaelble, Hartmut und Schriewer, Jürgen (1999) Diskurse und Entwicklungspfade. Der Gesellschaftsvergleich in den Geschichts- und Sozialwissenschaften. Frankfurt/M und New York: Campus Verlag. Darin besonders: Schriewer, Jürgen: Vergleich und Erklärung zwischen Kausalität und Komplexität. S. 53 - 102

Schriewer, Jürgen (ed) (2000) Discourse Formation in Comparative Education. Frankfurt/M, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Wien: Peter Lang

Beide Texte sind leider sehr schwer lesbar; aber die Mühe lohnt.

Die Übernahme von Systemen anderer Länder ("Deutschlands Finnen: Bayerische Schüler belegten bei PISA-E beste Plätze ... Hockenbleiber SPD-Bildungsminister beim Besuch einer Vorbildschule in Skandinavien"; Focus 254.6.2002, S. 43) erweist sich entgegen der Darstellung in den Medien als hochkomplex, auch wenn der deutsche Biertrinker das nicht wahrheben will. System-Kopien sind nicht machbar.

Es ist sehr spannend zu beobachten, wie der school effectiveness Diskurs in Deutschland, deutsche Traditionen das deutsche System modifizierend und rückwirkend selbst modifiziert, übernommen wird. Im deutschsprachigen Gebiet scheinen die Begriffe "Qualität" und "Entwicklung" als die magischen Begriffe etabliert worden zu sein, an denen sich die Sympathien kristallisieren sollen, aber wie u.g. Beispiele zeigen, bleibt der school effectiveness-Diskurs auch in seiner deutschen "Schulentwicklungs"-Version ein Managementmodell (engl. managerialism).

deutsche programmatische Texte zu Schulentwicklung
pars pro toto:
Fend, Helmut (2001) Qualität im Bildungswesen. Schulforschung zu Systembedingungen, Schulprofilen und Lehrerleistung. Weinheim und München: Juventa.

Behandelt die Ebenen des Bildungssystems als Ganzen, der Einzelschule und des Unterrichts. Ich fand es bemerkenswert, über weite Strecken zu Reformpädagogik, dann aber die Forderung nach bis zu zwei Dritteln (standardisierten) Tests zu finden (S. 377-380). Einen Lehrer im alten Sinne (alter Professionalismusbegriff), der eigenständig und in Bezug auf seine Schüler pädagogische Initiativen entwickelt, kann es damit nicht mehr geben.

Ein Satz wie "Die externen Vorgaben schaffen für einzelne Lehrer und ganze Schulen Freiräume, pädagogisch tätig zu werden, da sie von der ständigen Beweisnot, auch fachlich gut zu sein, durch externe Evaluationen ... entlastet werden." (S. 380) ist in meinen Augen Orwell'sches Neusprech. Die Erfahrung aus den anglophonen Ländern lehrt:

  • Vertrauen und Freiräume wurden Lehrern und Schulen (damit Schülern) entzogen, aber nicht geschaffen
    Whitty, G (1994) Deprofessionalising teaching? : recent developments in teacher education in England. Deakin : Australian College of Education, 1994 -- Whitty, Geoff (1997) Marketisation, the state, and the re-formation of the teaching profession. In: Education : culture, economy, and society / edited by A. H. Halsey ... [et al.] . (ed) Oxford : Oxford UP, 1997
  • externe Evaluationen haben sehr problematische Wirkungen (es gibt Forschung über die Wirkung von Evaluationen auf Männer und Frauen, über die Qualifikation von Evaluatoren; über die Wirkungen von Evaluationen auf Schulen und auf Schüler - z.B. Scanlon, Margaret (1999 ) The impact of OFSTED inspections. London: National Foundation for Educational Research, for the National Union Teachers
  • die Fragen, ob mit Evaluation überhaupt Verbesserung bzw. welche "Verbesserungen" zu erreichen sind, sind nach wie vor offen - z.B. in Earley P, B. Fidler and J. Ouston (1996) Improvement through Inspection? Complementary Approaches to School Develpoment. London: Fulton Publishers. - Saunders, L. (1999) Who or what is School "Self-"Evaluation for? In: School Effectiveness and School Improvement, 10(4), 414-429
  • in GB hat sich ein in Ironisierung des offiziellen "Office for Standards in Inspection - OfSTED" ein "OfSTIN - Office for Standards in Inspection" gebildet, sinnigerweise von Inspektoren selbst, um eine zivilgesellschaftliche Kontrolle gegen den allumfassenden Anspruch managerialistischer Kontrolle zu initiieren
deutsche "nützliche" Schulentwicklungstexte

Texte instrumentellen Charakters gibt es ohne absehbares Ende. Im Moment (Juli 2002) habe ich 92 Bücher und Aufsätze allein zu Evaluation zu Hause.)
  • Schratz, Michael et. al (2000) Qualitätsentwicklung. Verfahren, Methoden, Instrumente. Weinheim und Basel: Beltz
  • Kempfert, Guy und Hans-Günter Rolff (1999) Pädagogische Schulentwicklung. Weinheim und Basel: Beltz
  • Burkhard, Christoph und Gerhard Eikenbusch (2000) Praxishandbuch Evaluation in der Schule. Berlin: Cornelsen
  • Steffens, Ulrich und Tino Bargel (1993) Erkundungen zur Qualität von Schule. Neuwied, Kriftel, berlin: Luchterhand
  • Posch, Peter und Herbert Altrichter: Möglichkeiten und Grenzen der Qualitätsevaluation und Qialitätsentwicklung im Schulwesen. Innsbruck: Studien-Verlag
  • Buhren, Claus G et al. (29001) Wege und Methoden der Selbstevaluation - ein parktischer Leitfaden für die Schule. Dortmund: IFS
  • Buhren, Claus et al. (1999) Qualitätsindikatoren für Schule und Unterricht. Ein Arbeitsbuch für Kollegien und Schulleitungen. Dortmund: IFS (daraus die Tabelle links)
  • Bovet, Gislinde und Helmut Frommer (2001) Lehrerberatung - Lehrerbeurteilung. Konzepte für die Ausbildung (sic) und Schulaufsicht. Hohengehren: Schneider
  • Klippert, Heinz: (1994) Methodentraining. Übungsbausteine für den Unterricht. Weinheim und Basel: Beltz (von Klippert gibt es eine ganze Reihe Methodenratgeber und eine "Philosophie" über neues Lernen)

  • Die Jahrbücher zur Schulentwicklung aus dem Institut für Schulentwicklung sind in diesem Zusammenhang natürlich von herausragender Bedeutung.

All diesen Texten ist gemeinsam, dass sie "Entwicklung" TECHNISCH verstehen, indem sie die Veränderung ("Entwicklung") von Schule über eine Veränderung von Organisation erwirken, die im Englischen managerialism heißt, also von den Überzeugungen ausgeht:

  • Innovation in education is desirable
  • Change can be made into a rational, planned process
  • This can be achieved by the development of staged, sequenced procedures
  • Consensus is not necessarily present, but can be achieved through this rationality

Much of the current literature in education management, leadership and improvement incorporates this techno-rational discourse.

Es gäbe aber auch ein POLITISCHES Verständnis von "Entwicklung" (Key concepts are: Power, ideology, resources, resistance and negotiation) oder ein KULTURELLES Verständnis von "Entwicklung" (Change of values, beliefs, understanding, practices, relationships and structures). Diese anderen Konzepte kommen im techno-rationalen Verständnis nicht vor oder werden ihm untergeordnet (z.B. Veränderung der Machtbeziehungen in der Schule durch industrie-analoge Lehrerbeurteilung [ = Ent-Professionalisierung] oder durch Beachtung von school-ethos / Schulklima als Instrument von raising standards.

Altrichter/Posch haben Bücher sowohl zu Handlungsforschung als auch zu Evaluation geschrieben.

  • Altrichter, Herbert und Peter Posch (1998) Lehrer erforschen ihren Unterricht. Eine Einführung in die Methoden der Aktionsforschung. Bad Heilbnrunn: Klinkhardt
  • Altrichter, Herbert und Peter Posch (1997) Möglichkeiten und Grenzen der Qualitätsevaluation und Qualitätsentwicklung im Schulwesen. Innsbruck, Wien: Studien-Verlag

Der Unterschied zwischen Handlungsforschung und Evaluation ist verkürzend kontrastiert

  • Handlungsforschung ist eine wissenschaftliche Methode, mit denen die Beteiligten selbst ihre Lage ihre Erkenntnis-Bedürfnisse bestimmen, Forschung wird mit den Betroffenen gemeinsam durchgeführt, die Ergebnisse dienen und bleiben den Betroffenen (ownership und audience haben bzw. sind die Handelnden selbst).
  • Evaluation ist eine Erhebungsmethode, die Kriterien extern vorschreibt, die Evaluierten unterwirft und die Ergebnisse für andere Zwecke als den Betroffenen benutzt (gute Evaluationen tun dies weniger, schlechte mehr - programme, sponsor, evaluation, audience, user liegen auseinander und sind durch Machtgefälle "verbunden").

Daher ist das Wort "Selbstevaluation" ein Widerspruch in sich, es sei denn, es gäbe freiwillige Sklaven.

Zusammenfassung:

  • Nach "PISA" wird öffentlich zwar Skandinavien hochgehalten,

  • im Hintergrund geht es aber um die weitere und als vielfach einzige Möglichkeit hingestellte Implementierung des school effectiveness and improvement-Diskurses in einer auf deutsche Bedingungen modifizierten Form ("Schulentwicklung"). Die Frage "dreigliedriges Schulsystem oder Gesamtschule" ist dabei nicht einmal von sekundärer Bedeutung.

  • Man muss sich darüber im klaren sein, dass dies ein fundamentaler Systemwechsel ist. Es war ein englischer Professor, der mir vorschlug, ich solle über den Zusammenbruch nationaler Konzepte schreiben; es gebe auch keinen English Gentleman mehr und eine German 'Bildung' auch nicht. Traditional überkommene Strukturen werden eingeebnet (Giddens...), der school effectiveness Diskurs dient als Mittel dazu im Bereich education. Den deutschen Begriff "Bildung" dürfte man, streng genommen nicht mehr benutzen, weil dieser Begriff nun sein Ende findet. - Natürlich wird er neu konzeptualisiert, nämlich in den OECD-PISA-Querschnittskompetenzen. Das hat aber mit dem Begriff "Bildung" im Sinne von Humboldts und Adornos wenig zu tun.
deutsche Kritik an deutscher "Schulentwicklung"
Vielleicht liegt es an mir, dass ich nicht genug gesucht habe ... - aber ich meine, es gibt kaum eine relevante, in Schulen verständliche und schultaugliche -nützliche deutsche Kritik (in GB ist das ganz anders). Insofern scheinen deutsche Lehrer der geistigen Wende hilflos ausgeliefert zu sein

Natürlich gibt es noch von Hentig und seine Aussage

„Wer sich damit begnügt, dass der Unterricht gut funktioniert, dass die messbare Leistung gehalten, dass die 'Abschlussprofile‘ vermarktet, die 'Lieferfristen‘ von Absolventen deutscher Hochschulen nicht zu lang sind (FAZ 31. März 1993), der schadet sich selbst und damit der Gesellschaft.“ (Hentig, Hartmut von: Schule neu denken. München, Wien (Hanser) 1993, S. 25

„Das gegenwärtige Methodentraining, dem Praxiswert nicht abgesprochen werden kann, lässt sich wissenschaftlich auch als Konsequenz der entwickelten Theorielosigkeit verstehen.“ Dräger, H. (2000). Kritik der Stagflation der Pädagogik. In: B. Dewe and T. Kurtz (2000) Reflexionsbedarf und Forschungsperspektiven moderner Pädagogik. Opladen, Leske und Budrich: 71-93. (S. 89)
„Sofern man auch nur ein Minimum an pädagogischen Qualitätskriterien aus dem Fundus der europäischen Bildungsgeschichte anzulegen bereit ist, ist dies nicht schon eine `gute Schule´, kann eine `produktionistische´ Denkweise allein nicht schon zum Maßstab für die Qualität des Bildungswesens wie auch einer einzelnen Schule werden.“ Terhart: Berufskultur und professionelles Handeln bei Lehrern, in Combe/Helsper: Pädagogische Professionalität, S. 459
Koller geht es in erster Linie um die Begründung eines postmodernen Bildungsbegriffs (dieser ist aber für die Schule VIEL zu abstrakt und praktisch auf Schulniveau kaum handhabbar), aber es sind m.E. zwei Gedanken zum Thema "Schulentwicklung" relevant:
  • es gibt keine aus Messbarkeit abgeleitete Legitimation von Wissen - measurable outcomes (PISA, die ganze Evaluations"philosophie"...) sind aber das A und O eines managerialistischen Vorgehens. Bildung daran zu messen, auf welchen Plätzen Deutschland, Bayern, Hessen, Thüringen... stehen, ist daher illegitim. Begrifflichkeit: performance (in Indikatoren messbare Leistung) -> Performativität

    ... die Legitimation durch 'Performativität'. Darunter ist eine Form von Autorisierung zu verstehen, bei der das Wissen allein unter dem Aspekt seiner Umsetzung oder Anwendung legitimiert wird. Kriterium der Legitimität ist daher die Verbesserung von Input-Output-Relationen, d.h. eine ausschließlich technisch verstandene Effizienzsteigerung. Da diese Form der Autorisierung Lyotard zufolge weder der tatsächlichen wissenschaftlichen Entwicklung ... gerecht wird noch der kritischen Dimension des Wissens eine eigenständige Bedeutung zugesteht, plädiert er für eine Form der Legitimation, der er der Postmoderne für einzig angemessen hält: der Paralogie... , den bewußten Verstoß gegen die bisher etablierten Regeln wissenschaftlichr Sprachspiele mit dem Ziel, neue Spielzüge zu (er)finden und neue Regeln vorzuschlagen. Das einzige Kriterium für die Legitimität solcher Regelverletzungen besteht darin, "daß dies Ideen, das heißt neue Aussagen hervorbringen wird.'" (S. 26f)


  • die Dominanz eines Diskurses ist illegitim - Lyotard nennt dies sogar "Imperialismus" von Diskursen
    ... Lyotard fordert, den 'Imperialismus' bestimmter Diskursarten abzuwehren und den Widerstreit offenzuhalten... (in Koller S. 41).

Es bleibt dem Leser dieser Seite vorbehalten zu beurteilen, ob Schulentwicklung zu einem "Imperialismus" hat werden können oder ob es noch pädagogischen Widerstreit gibt.

Ich kann Kollers Buch uneingeschränkt empfehlen. Es ist von einer wunderbaren Klarheit und Fokussiertheit und dabei so nützlich (obwohl es eine Habil ist).

Koller, Hans-Christoph (1999) Bildung und Widerstreit. Zur Struktur biographischer Bildungsprozesse in der (Post-) Moderne. München: Wilhelm Fink

Ein sehr lesenswerter Aufsatz über die Neuformierung der Bildung unter Bedingungen eines globalen Marktes:
Ingrid Lohmann: "www.bildung.com": Strukturwandel der Bildung in
der Informationsgesellschaft

LINKS
Globale Ebene:
OECD education -- Worldbank education -- UNESCO -- TIMSS -- PISA international
Europäische Ebene
Bericht der EU über die Qualität im Bildungswesen (16 Qualitätsindikatoren, Seite 7 und 8) --
Nationale Ebene (1):
  • Beispiele zum Vergleichen: UK und Österreich
Österreich: QIS - Qualität in Schulen -- 7 Kernpunkte der Qualitätsentwicklung in Österreich -- TQM (total quality management) in österreichischen Schulen --

United Kingdom: England:

Skills-orientierter Bildungsbegriff (die Schule produziert Fähigkeiten, die der Arbeitsmarkt braucht): DfEE Department for Education and Employment (-> umbenannt in "...and Skills") -- changing demands -- new key skills 2000 -- skills base -- Standards Site
--National Curriculum --

Evaluation und Schulinspektionen, England: Berichte von Schulinspektionen -- handbooks for inspecting -- e.g. for secondary schools -- Selbstmord nach Schulinspektion -- DfES School and College Performance Tables -- Secondary school tables: Top 200 state comprehensive schools at A-level -- Secondary school tables: Worst 30 state comprehensive schools for authorised absence -- Secondary school tables: Bottom 20 local education authorities at A-level -- Das kommt heraus beim Datensammeln.

Evaluation und Schulinspektionen, Scotland: HM Inspectorate of Education -- Schulinspektionsberichte -- self-evaluation and management --

Abwertung der Lehrerrolle: Nicht teacher education, sondern teacher TRAINING: Teacher Training Angency --

Aktuelle Diskussionen in: TES (Times Educational Supplement) -- THES (Times Higher Education Supplement) -- Guardian Education -- Independent Education

Nationale Ebene (2):
  • Deutschland
Allgemein: schulentwicklung.de -- Institut für Schulentwicklung -- Bund-Länder-Modellversuch "Qualität in Schulen und Schulsystemen" (QUISS) -- KMK -- Aussagen zur Evaluation nach KMK-Handreichung auf dem Niedersächsischen Bildungsserver -- Bertelsmann: Netzwerk innovativer Schulen und Schulsysteme (sic) -- Kultusministerkonferenz zu Aufgaben von Lehrern --

PISA -- Stiftung Bildungstest

Regionale Ebene
  • Niedersachsen
Schulentwicklung Niedersachsen -- Schulprogramme in Niedersachsen -- Internetadressen für die Schulprogrammarbeit -- Evaluation als Instrument der Schulentwicklung und Fortbildung -- Schulprogramm und Evaluation: Beispiele, Netze, Projekte, Institutionen -- Schulentwicklungberatung --

Es werden vermutlich knapp 10 innerschulische "Qualitätsbereiche" definiert (und im Schulgesetz festgeschrieben), die Schulen zu entwickeln und zu evaluieren haben; Schulinspektionen werden folgen (niedersächsiche Evaluatoren werden in den Niederlanden ausgebildet). (Tagung Netzwerke in Loccum, Herbst 2001)


Lokale Ebene: Je nach politischer Philosophie werden Schulen als unternehmensähnliche Einheiten aufgefasst, die in Konkurrenz zu einander stehen, oder man hält Synergieeffekte durch lokale Netzwerkbildung (Kooperation) für sinnvoll. Der Gedanke, dass Schulen im Prinzip gleich und Schüler an allen Wohnorten im Prinzip gleiche Chancen auf Bildung haben, wird aufgegeben zugunsten des Gedankens, dass Schulen unterschiedlich sein und Eltern eine Wahl haben sollen. Die Erfahrung mit parental choice in anglophonen Ländern sind jedoch hochproblematisch. Eltern wollen eine gute Schule "um die Ecke", eine bessere Schule in 300 km Entfernung nützt ihnen nicht (es sei denn, sie haben Geld und können sich zusätzlichen Privatunterricht, ein Internat oder einen Wohnortwechsel leisten).

(c) Diese Seite wurde am 05.07.2002 von Ulrich Vocke erstellt und am 14.08.2003 zuletzt geändert. Zu diesem Zeitpunkt funktionierten alle Links; ich bitte um Mitteilung, falls das nicht mehr der Fall sein sollte.